Laufen Lernen Tragen

Beeinflusst das Tragen deines Babys in einem Tragetuch den Zeitpunkt des Laufens lernen?

Ich will hier nicht spoilern – kann dir aber jetzt schon sagen: Nein! 

 

Wieso sich dieses Gerücht so hartnäckig hält, welche Faktoren wichtig sind, damit dein Baby laufen lernt und wieso das Tragen in einem Tuch oder Tragehilfe dein Baby bei diesem Prozess sogar unterstützt, erzähle ich dir jetzt.

„Früher“ – und früher ist noch gar nicht so lange her – dachte man ja grundsätzlich, man dürfe sein Baby nicht zu viel tragen. Man wolle sich ja keinen Tyrannen heranziehen. Deshalb ließ man sich da allerlei Dinge einfallen, wieso es schlecht wäre, sein Baby zu tragen und was möglichst zu vermeiden ist, damit dir das Baby ja nicht auf der Nase rumtanzt. Mütter wurden aufgefordert, die Bedürfnisse ihrer Babys gezielt zu ignorieren – deshalb ließ man Neugeborene abends einfach alleine in einem eigenen Zimmer schreien, stillte sie (wenn überhaupt gestillt wurde) nur alle 4 Stunden und den Körperkontakt solle man bloß so gering wie möglich halten. Also kein Tragen, kein Kuscheln, bloß keine Bindung zum Kind aufbauen. Schließlich darf man sein Kind ja nicht verwöhnen. 

Warum ich da so aushole? Tragen – also Körperkontakt – ist ein Grundbedürfnis jedes einzelnen Menschen. Für jedes Neugeborene, Baby, Kleinkind, Schulkind, jeden Pubertierenden und jeden Erwachsenen. Aufgrund dieser Methoden, die sich – vor allem auch in unserer älteren Generation – noch immer als „bewährt“ und „richtig“ hartnäckig in unserer Gesellschaft halten, hören wir oft Sätze wie: „Ist doch klar, dass dein Kind nicht läuft, wenn du es ständig trägst“ oder „Logisch, dass dein Kind nicht ohne deine Brust einschlafen kann, wenn du es nicht einfach mal schreien lässt, damit es sieht, dass nicht immer alle nach seiner Nase tanzen“ . 

Es gab viele Untersuchungen, Studien – zum Beispiel eine, die zwischen 2009 und 2013 die Generation der Kriegskinder untersuchte. Durchgeführt wurde die Studie in Deutschland von Psychologin Ilka Quindeau und ihren Kollegen von der „Frankfurt University of Applied Sciences“ im Auftrag des Bundesministeriums für Bildung und Forschung. Eigentlicher Inhalt wären die Untersuchung der Auswirkungen der Bombenangriffe und Flucht gewesen. Doch schon in den ersten Interviews zeigte sich, dass die Familie viel öfter zur Sprache kam und deshalb wurde die Studie erweitert. Man kam zum Schluss, dass die Leute ein Muster auffällig starker Loyalität mit den Eltern zeigten. In den Schilderungen wurden überhaupt keine Konflikte angesprochen – dies ist ein Zeichen einer Beziehungsstörung. Ebenso entdeckte die österreich-britische Psychoanalytikerin Anna Freud bereits 1949, dass jene Kinder, die eine gute Bindung zu den Eltern hatten, den Krieg als „weniger“ schlimm empfanden als jene, die keine oder eine schlechte Bindung zu den Eltern hatten. 

Nicht nur von unserer Familie oder irgendwelchen Bekannten – nein, auch Kinderärzte, Hebammen und anderes FACHPersonal – die es eigentlich aufgrund der heutigen wissenschaftlichen Erkenntnisse besser wissen müssten – nein, sogar diese machen keinen Halt davor, Müttern zu raten, ihr Baby alleine schreien zu lassen, nur alle 4 Stunden zu stillen und ja nicht zu tragen, weil das Kind ja sonst überhaupt nie selbstständig wird und aus Prinzip dann schonmal ein kleiner Tyrann daraus wird. Bindungsstörungen und die Unfähigkeit, mit anderen Menschen in eine Beziehung zu gehen resultieren aus diesen Methoden. 

Die Natur hat es so vorgesehen, dass ein Neugeborenes getragen wird. Sobald du dein Baby hochnimmst, zieht es die Beine an und wartet darauf, dass du es auf deine Hüfte hockst – dafür ist die nämlich so gemacht, wie sie eben gemacht ist. Das Baby kann auf deinem Hüfthöcker Platz nehmen und durch die „Anhock-Spreiz-Haltung“ kann es sich gut „festkeilen“. 

Wieso sollte also etwas, das von Natur aus vorgesehen ist, schlecht für dein Baby sein? Oder die motorische Entwicklung? Wir wissen heute, dass das Tragen natürlich ist. Dass es deinem Baby dabei hilft, sich und seine Körpergrenzen besser wahrzunehmen. Ein Baby, welches viel getragen wird, erhält alles, was es braucht: Körpernähe, Zuneigung, es ist im Familiengeschehen integriert und aktiv dabei – auf Augenhöhe. Sein Gleichgewicht-Sinn wird geschult, da es die Bewegungen des Tragenden immerzu mitgehen und ausgleichen muss. Das fördert auch die Muskulatur! 

Neulich durfte ich mir von meiner eigenen Mutter (Ich kann es übrigens immer noch nicht fassen) anhören: „Ist doch klar, dass dein Baby mit 11 Monaten nicht krabbelt oder sich aufsetzen kann, wenn es STÄNDIG in der Trage ist. Andere Babys spielen auch mal auf dem Boden“ – REALLY? Als ob mein Kind darin leben würde. Warte – oder tut es das doch? Ich überleg jetzt einfach mal, wann mein Baby NICHT in der Trage oder dem Tuch ist: beim Wickeln, wenn es vom Familientisch mitisst. Wenn wir mit den Geschwistern auf dem Boden sitzen und spielen. Wenn wir zu Besuch bei Oma und Opa sind, weil es total cool ist unter den Hängeregalen im Wohnzimmer durchzurobben und dem Hund nachzujagen. Mein Baby ist dann nicht in der Trage, wenn es deutlich zeigt, dass es das nicht will. Und das passiert mit 11 Monaten schon sehr häufig! Ich würde jetzt einfach mal sagen, so Daumen mal Pi, ist mein Baby (mittlerweile) am Tag ungefähr 2 Stunden im Tuch. Was es die restlichen 10 Stunden macht, in denen es tagsüber wach ist? Richtig: es spielt auch mal auf dem Boden. Oder im Bett. Oder sitzt im Kinderwagen – den es übrigens erst seit kurzem für sich entdeckt hat. 

Unser Baby wurde in der Schwangerschaft mit einem Virus infiziert, den ich „weitergegeben“ habe. Schon damals wurde uns gesagt, dass es sein KANN, dass wir physiotherapeutische Unterstützung benötigen könnten. Und genau dieser Fall ist jetzt eingetreten. Aber ist klar, ne. Das Tragen ist (wieder mal) Schuld. 

Welche Faktoren sind nun aber wichtig, dass dein Baby sich motorisch entwickeln kann? Was braucht es, um sich zu drehen, robben, krabbeln, aufsetzen und irgendwann laufen kann?

Zu allererst: dein Baby beginnt sich bereits im Mutterleib zu bewegen. Spätestens wenn eine Mama in der 38. Schwangerschaftswoche nicht mehr weiß, wie sie sitzen soll, weil sich das Baby in alle Richtungen spreizt und versucht die Rippen aus dem Weg zu treten, weißt du das. 

Doch es geht bei der motorischen Entwicklung nicht nur um das Drehen, robben, laufen. Dein Baby muss lernen, die Augen zu öffnen, um zu sehen und den Mund zu bewegen, da es sonst weder essen, lachen noch sprechen kann. Somit ist für die motorische Entwicklung auch die soziale Interaktion enorm wichtig: Fingerspiele, Lieder singen und gemeinsam interagieren regen dein Baby dazu an, sich körperlich und geistig weiterzuentwickeln. 

Anders als die angeborenen Reflexe, welche das Überleben des Neugeborenen sichern, wie etwa dem Such-, Saug- und Schluckreflex, die zur Nahrungsaufnahme wichtig sind, gibt es einige andere Reflexe, die dein Baby die ersten zwei Lebensjahre in der motorischen Entwicklung begleiten: der Greif-, Schreit-, Klammerreflex und der Nackenreflex. In den Mutter-Kind-Pass Untersuchungen untersucht der Kinderarzt auch die motorische Entwicklung deines Babys. So kann festgestellt werden, ob eine mögliche neurologische Störung oder eine Erkrankung des Nervensystems vorliegen, die meist ursächlich sind für einen späteren Start von Krabbeln, Sitzen, Laufen usw. 

Ein niedriges Geburtsgewicht – etwa in Folge einer Frühgeburt, zerebrale Krampfanfälle oder Hirnschädigungen, psychische Probleme in der Schwangerschaft – etwa, weil sie ungewollt ist oder sie eine psychische Belastung für die Schwangere war, sind Faktoren, die die motorische Entwicklung deines Babys beeinträchtigen können. 

Das Geschlecht, Geschwister, die Art der Geburt – also spontan oder Kaiserschnitt, aber auch der soziale Status haben keinen Einfluss darauf, wie schnell ein Kind einen „Meilenstein“ erreicht hat. Viel wichtiger als diese sogenannten Meilensteine sind eigentlich die „Grenzsteine“. Sie geben nämlich an, bis zu welchem Alter die überwiegende Zahl „gesunder“ Kinder eine bestimmte Fähigkeit erwirbt.

Wie aber kannst du jetzt die grobe und die feine Motorik deines Babys fördern? Wie kannst du dein Baby dazu motivieren, sich zu bewegen? Für die Grobmotorik – also die Körpermotorik und Fortbewegung, ist es wichtig, dass dein Baby Platz und Raum zum Bewegen und Spielen hat. Außerdem ist es wichtig, dass das Gleichgewicht gut entwickelt ist (welches wiederum beim Tragen stimuliert, gefördert und trainiert wird). Lass dein Baby barfuß – auch im Winter. Mit der richtigen Kleidung wird deinem Baby nicht kalt – am besten überprüfst du die Körpertemperatur im Nacken. Ist es dort wohlig warm, ist deinem Baby nicht kalt, auch wenn es die Füße vielleicht sind. Das Barfuß-Laufen fördert die Balance und hilft, dass dein Baby sicher steht.  

Normalerweise genügt es vollkommen aus, wenn sich dein Baby in einem Raum frei bewegen kann: gibt es Dinge zum Hochziehen oder Drüber-Robben/Krabbeln und hat es die Möglichkeit, alles zu erforschen? Super – dann habt ihr alles richtig gemacht! Sollte euer Kind wirklich auffällig sein, seid ihr bei einem Kinder-Physiotherapeuten bestens aufgehoben. Dieser zeigt euch gezielte Übungen, um euer Baby zu fördern. 

Auch einfache Hoppe-Hoppe-Reiter Spiele oder Babyschwimmen, aber auch Babymassage können eurem Baby in der motorischen Entwicklung helfen. 

Die Feinmotorik – also alles, was mit „kleinen“ Bewegungen mit den Händen und Füßen passiert, können mit Fingerspielen, Motorik Spielzeug wie einem O-Ball oder Motorik Würfel, Stapeltürmen und Steckspielen gefördert werden. 

Türhopsern, Gehfrei und sogenannte Lauflernhilfen sind absolut überflüssig und sogar gefährlich! Nicht nur, dass sie den gesamten Bewegungs-Apparat schädigen, dein Baby kann Treppen runterstürzen, im Türhopser kopfüber kippen usw. Experten sind sich sogar einig, dass der Einsatz solcher Geräte die kindliche Motorik und die Ausbildung des gesamten Bewegungsapparats nachhaltig schädigen und hemmen. 

Wie du siehst – die Motorik eines Babys ist so ein komplexer Vorgang, in dem sehr viele Faktoren einspielen. Ein Stück weit kannst du die Vorgänge fördern und positiv beeinflussen. Zum Abschluss möchte ich noch kurz erzählen, wie es bei unserer mittleren Tochter war: auch sie wurde genauso „viel“ getragen, wie ihr kleiner Bruder jetzt – und sie lief sicher und frei eine Woche vor ihrem ersten Geburtstag.

Zum Schluss möchte ich euch noch folgendes Zitat mit auf dem Weg geben:

“Man kann einen Menschen nichts lehren, man kann ihm nur helfen,
es in sich selbst zu entdecken.“
Galileo Galilei

Also helft eurem Baby, sich und alles in und an sich selbst zu entdecken – mit Liebe, Freude und der Nähe und dem Körperkontakt, wie es euer Baby braucht ♥

Geschrieben von Tatjana Kirchweger von LIEBEVOLL GEBUNDEN

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